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Der Bus fuhr in eines der Tore hinein und hielt etwa in der Mitte der Straße, die von der Ost-zur Westseite des Komplexes führte und noch zwei weitere Parallelstraßen besaß. Linker Hand befand sich ein großes und auffallend hohes Gebäude, das eine steil aufsteigende und zweigeteilte Rampe besaß, auf der rechts und links Schienen angebracht waren. Dazwischen befand sich eine Treppe, die zu einem großen Tor führte. Dies war die Ziegelei des Lagers, denn hier wurden Steine gebrannt, die für den Gebrauch im gesamten Reich benötigt wurden. Genau das war auch die Hauptaufgabe der Häftlinge in Neuengamme, das zu einer ganzen Reihe von Arbeitslagern und Außenstellen gehörte, in denen Zwangsarbeit für die deutsche Industrie geleistet werden musste.

Mit den üblichen gebrüllten Befehlen wurden wir aus dem Bus getrieben und mussten uns in einer Reihe aufstellen. Man nahm uns die Fußketten ab, mit denen wir gefesselt worden waren und übergab uns der örtlichen SS-Mannschaft. Ein Unterscharführer (inzwischen kannte ich die Rangabzeichen) begutachtete uns mit finsterem Blick und schritt die Reihe ab. Es war ein bulliger Mensch mit einer wulstigen Stirn die so aussah, als würde der Mann damit ständig gegen Wände laufen, damit sie so dick blieb. Er wurde von zwei Mannschaftsgraden begleitet, die nicht weniger unfreundlich blickten.

„Juden, herhören“, sagte er im Befehlston, nachdem er uns ausreichend betrachtet hatte. „Hier wird für das Fressen gearbeitet … und zwar bis die Schwarte kracht. Habt ihr das verstanden?“

„Jawoll“, antworteten wir wie aus einem Mund und standen dabei stramm. Die „Erziehung“ in Fuhlsbüttel hatte uns geprägt, was ihm offensichtlich gefiel, denn er nickte lächelnd.

„Gut. Einkleiden, Bettmarke abholen und dann ab an die Arbeit, ihr faulen Säcke“, rief er und gab seinen Leuten den Befehl, uns mitzunehmen.

Im Laufschritt ging es nun durch das Lager hindurch in südliche Richtung zu den Verwaltungsgebäuden hin, die ähnlich wie im vorherigen Lager eine Kleiderkammer besaßen, in der wir neue Sträflingskleidung in etwas anderer Farbgebung erhielten. In solchen Sachen waren die Nazis sehr akribisch. Jedes Lager besaß seine eigene Farbe und musste entsprechend getragen werden. An unseren Anzügen prangte der gelbe Stern. Andere Häftlinge trugen verschiedenfarbige Dreiecke nach ihren jeweiligen „Vergehen“. Danach bekamen wir noch sogenannte Bettenmarken, auf denen neben der Barackennummer auch die Nummer des Betts eingeprägt war. Hier wurde nichts dem Zufall überlassen, alles hatte seine Ordnung, wie es schien.

Rechter Hand der Verwaltungsbauten befanden sich die Schlafbaracken der Häftlinge, die bei Weitem größer waren, als die in Fuhlsbüttel. Die Reihen der Gebäude waren von hier aus nicht vollständig zu überblicken, aber es wurde deutlich, dass sich hier sehr viele Menschen befanden – beinahe 10.000 zu diesem Zeitpunkt, wie ich später erfuhr.

Nach dem Einkleiden wurden wir sofort zur Arbeit in die Ziegelei geführt und einem der Vorarbeiter übergeben. Es herrschte ein furchtbarer Lärm in dem Gebäude und vornehmlich konnte man das Gebrüll der SS-Wachen hören, die hier in großer Zahl anwesend waren und den Betrieb überwachten. Mehrere große Öfen beherrschten das Innere des Gebäudes, in welchen die Steine gebrannt wurden. Das Rohmaterial dazu kam über die Rampe mit den Schienen, auf denen kleine Loren fuhren. Sand, Ton und Kalk wurden angeliefert und mussten dann hinaufgeschafft werden, um über Trichter nach unten in Silos für die Formerei geschüttet zu werden. Das zu bewerkstelligen war die schwerste Arbeit, denn die Loren besaßen keinen Antrieb und mussten per Hand hochgeschoben werden.

Genau für diese Tätigkeit wurde ich eingeteilt und nach draußen gebracht. Es war kalt, denn der November war bereits fortgeschritten und die Kleidung von uns Häftlingen war alles andere als wärmend. Warm wurde mir allerdings sehr schnell, als wir die Loren befüllen und hinaufschieben mussten. Die Holzschuhe waren rutschig und man musste höllisch aufpassen, dass man nicht den Halt verlor, denn wenn die schweren Wagen einmal in Bewegung zurück nach unten gerieten, hielt sie niemand mehr auf und man wurde von dem Gewicht überrollt.

Es war eine furchtbare Schufterei und vor allem der Kalkstaub legte sich auf die Lungen und brannte sich in die Haut ein, so dass sie einem bald in Fetzen von den Fingern hing. Das Ganze wurde von einigen SS-Männern überwacht, von denen der Rottenführer der Schlimmste war. Er stand immer oben auf der Rampe, grinste zumeist schadenfroh oder schrie ansonsten wie ein Wahnsinniger herum, wenn es seiner Meinung nach nicht schnell genug ging. Sein feistes Gesicht erinnerte mich tatsächlich an das eines Schweins und die rosarote Hautfarbe sowie die wulstige Nase verstärkten diesen Eindruck noch. Sehr gern schlug er die arbeitenden Männer auch einfach mal „nur so“, wenn sie mit den Loren oben angekommen waren und die Materialien in die Trichter schütteten. „Eber“ war deshalb auch der Spitzname, den die Häftlinge ihm heimlich gaben und sie hassten ihn noch viel mehr, als die anderen Wächter.

Neuengamme stellte eine vollkommen andere Welt dar, als Fuhlsbüttel es gewesen war, das lernte ich sehr schnell. Nicht nur die Größe dieses Lagers unterschied sich von dem Vorherigen, sondern auch seine Hierarchien und die Dinge, die im Verborgenen geschahen. Die Zusammensetzung der Häftlinge war eine bunte Mischung aus Menschen verschiedenster Herkunft und Nationalität. Es befanden sich französische Kriegsgefangene darunter, die als Juden erkannt und aus den Gefangenenlagern hergebracht worden waren. Daneben gab es Widerständler aus Belgien und Holland, Zwangsarbeiter aus Polen, die zunächst freiwillig ins Deutsche Reich gekommen waren und nun nicht mehr fortdurften, tschechische Partisanen, spanische und italienische Kommunisten, jüdische Spezialisten aus Russland und, und, und. All diese Menschen mussten sich zusammen arrangieren und die Umstände irgendwie meistern. Dass es dabei zu Revierkämpfen untereinander kam, war nicht auszuschließen und auch an der Tagesordnung. Zumal jede Gruppe ihre eigenen Interessen jenseits der Zwangsarbeit hatte. Die Widerstandskämpfer versuchten eine Zelle innerhalb des Lagers aufzubauen. Die Kommunisten schmiedeten große Fluchtpläne und dazwischen gab es noch die gewöhnlichen Kriminellen, die Waren schmuggelten und die SS-Wachen bestahlen, um die Beute dann gegen „Devisen“ zu tauschen.

Am unglaublichsten war für mich jedoch die Entdeckung, dass es an einem solchen Ort wie diesem ein Bordell gab, in dem sich junge Mädchen und Frauen aus dem Bereich der weiblichen Häftlinge anboten. Sowohl die privilegierten Gefangenen, als auch die SS-Wachen kehrten dort offensichtlich ein und vergnügten sich. Als Währung diente vor allem Nahrung in Form von Konserven, die dann im Lager wieder gegen andere Wertsachen getauscht wurden. Es war somit eine Überlebensbörse, für die sich die Frauen hergaben und dafür sorgten, dass die Sterbensrate unter den Häftlingen geringer ausfiel, als es vielleicht ansonsten der Fall gewesen wäre.

Wochen und Monate vergingen zäh mit immer den gleichen quälenden Abläufen. Die Nächte in den Baracken waren kalt, denn es gab nur einige wenige Öfen und noch weniger Brennmaterial. Nur wenn es besonders frostig wurde, zündeten wir sie an und versuchten so dicht wie möglich heranzurücken. In meinem persönlichen Umfeld der Etagenbetten gab es einige Männer, mit denen ich so etwas wie eine Freundschaft geschlossen hatte, welche die dauernde Konkurrenz der Häftlinge untereinander etwas aufhob. Dazu gehörte Roger, ein französischer Elitesoldat mit jüdischem Hintergrund, der bei einem Geheimauftrag hinter den feindlichen Linien ergriffen worden war. Dann waren da noch Dariusz, ein polnischer Widerstandskämpfer und Pablo aus dem Baskenland, der bereits als sehr junger Mann im spanischen Bürgerkrieg gegen die Deutschen gekämpft hatte. Diese drei kampferprobten Mithäftlinge gaben mir irgendwie Sicherheit in dieser von gegenseitigem Misstrauen geprägten Lagerwelt. Sie hatten es offensichtlich geschafft, sich durch Bestechung der Wachen die „guten“ Arbeitsplätze – nämlich im Winter an den Brennöfen und der Formerei und im Sommer im luftigen Wareneingang – zu sichern und wollten mir auch zu diesem Privileg verhelfen.

Doch wie es schien, war der Kurs für diese Bevorteilungen deutlich gestiegen und wir besaßen nicht genügend Währung für ein solches Geschäft. Der Hauptnutznießer dieser heimlichen Kungeleien war ausgerechnet „Eber“, der somit ein besonderes Augenmerk aus Verärgerung auf mich warf und mir fortan das Leben noch schwerer machte. Er ging wohl davon aus, dass wir nur blufften und in Wahrheit noch genügend Zahlungsmittel besaßen, um mir einen anderen Arbeitsplatz zu erkaufen. Der Rottenführer suchte sich mich also als Lieblingsopfer aus und schikanierte mich, wo es nur ging. Bei jeder Fuhre der Loren auf die Rampe erhielt ich Schläge von ihm, wobei er jedes Mal hämisch grinste. Er veranlasste zudem, dass ich nicht nur die Wagen schieben musste, sondern in den kurzen Pausen noch Säcke mit Sand und Ton hochzutragen hatte, was er wiederum mit Hieben quittierte, wenn ich oben angelangt war. Die Spitze der Demütigungen war die Tatsache, dass er mir den Teller mit der dünnen Rübensuppe und dem fettigen Fleisch wegtrat, während ich gerade anfangen wollte zu essen.

Ich weiß nicht, was in diesem Moment genau in mir vorgegangen war. Auf jeden Fall erinnerte mich das dämliche Grinsen des Mannes an das von „Dick“ aus meiner Jugend im Hafenviertel Hamburgs. Eine unbändige Wut gepaart mit dem gleichzeitig eiskalten Willen der Rache stiegen in mir auf und ich erhob mich. Er sah mich herausfordernd an und erhielt im nächsten Moment eine wuchtige Rechte und anschließend meine harte Linke ins Gesicht, die ihn zurücktaumeln aber nicht stürzen ließen. Für einen Moment herrschte tiefe Stille. Alle Augen richteten sich ungläubig auf mich und „Eber“, der sich schüttelte und dann wutentbrannt auf mich zustürmte.

„Na warte, Jude, dir werde ich …“, schnaubte er und stapfte in die nächste Kombination aus zwei, drei Schlägen hinein, die seinen massigen Schädel durchrüttelten. Er versuchte zurückzuschlagen, doch seine Fäuste verfehlten mich, weil ich viel zu schnell für den massigen Kerl war. Stattdessen trafen ihn zwei Leberhaken, die ihn dazu brachten, sich nach vorn zu beugen und zu übergeben. Er schnappte panisch nach Luft und blickte mich mit deutlicher Furcht in seinen Augen an.

Ich stand ihm gegenüber und wartete mit geballten Fäusten auf den nächsten Angriff. Dabei bebte ich vor Aufregung und begriff nun langsam, was ich eigentlich getan hatte und dass dies mein Todesurteil war. Tatsächlich erhob „Eber“ sich und zog seine Dienstwaffe aus dem Halfter. Mit hochrotem Gesicht kam er auf mich zu und zielte direkt auf meinen Kopf. Ich schloss mit meinem Leben ab, denn niemand der anderen Häftlinge, die noch immer wie erstarrt waren, würde mir in dieser Situation helfen.

„Halt“, rief plötzlich eine Stimme und verhinderte damit im letzten Augenblick den Todesschuss, den ich erwartete. Der dicke SS-Mann nahm seine Waffe augenblicklich runter und stand stramm. Ein Offizier – ein Sturmbannführer – trat dazwischen und fragte mit wütender Stimme: „Was ist hier los, Rottenführer?“

„Dieser …, dieser Jude hat mich …, hat versucht, mich …“, stammelte „Eber“ hilflos.

„Ich habe das gesehen, Rottenführer Suhl. Sind Sie zu dumm, einen Häftling in Zaum zu halten, oder was?“, blaffte der Offizier den Dicken an. „Was lassen Sie sich eigentlich in so ein Handgemenge ein, Sie Idiot? Die Männer sollen arbeiten, wir haben ein Reich aufzubauen, verstehen Sie das?“

„Jawoll, Herr Sturmbannführer“, rief Suhl und nahm mit blutender Nase erneut Haltung ein, denn er bemerkte, dass alles gegen ihn lief.

„Und um diesen renitenten Häftling kümmere ich mich persönlich“, bemerkte der Offizier und griff mir heftig ans Ohr, um mich mit sich zu zerren. Er zog mich auf diese sehr schmerzhafte Weise über den gesamten Platz vor der Ziegelei und ging mit mir in die Bürobaracke. Er öffnete eine Tür, auf der die Worte „Stellvertretender Lagerkommandant“ zu lesen waren. Dort stieß er mich hinein, ließ mich endlich los und setzte sich hinter seinem Schreibtisch auf einem Stuhl. Aus einer Schublade holte er eine Flasche Weinbrand hervor und goss sich ein Glas davon ein, das er wie Wasser hinabstürzte, während ich wie ein Schuljunge vor dem Rektor stand und auf die Strafe wartete.